Digital leichter in Archiven recherchieren

Durch die Digitalisierung kann in Archiven schneller und umfassender recherchiert werden. In Kürze wird das „Online-Archiv ‚Deutsches Gedächtnis‘“ zugänglich sein.


„Die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Archivierung sind erheblich“, betont Dr. Almut Leh, Leiterin des Archivs „Deutsches Gedächtnis“ des Instituts für Geschichte und Biographie der FernUniversität in Hagen. Nicht nur, dass die Recherche sehr viel schneller ablaufen kann, auch werden häufig viel mehr Informationen zutage gefördert als bisher: Mit digitalen Quellen von der Word- bis zu mp3-Dateien und den verschiedensten Videoformaten kann auf ganz andere Art und Weise gearbeitet werden als mit gedruckten Dokumenten, Papierfotos, Audiokassetten oder VHS-Filmen.

Das Bild eines Mannes wird an eine Wand projiziert, davor erkennt man einen Hand, die darauf weist, und den Schatten einer Frau. Foto: Veit Mette
Die Auswertung von digitalen Dateien - hier ein Zeitzeugen-Interview mit dem früheren FernUni-Rektor Prof. Dr. Ulrich Battis - kann sehr viel mehr Informationen zutage fördern als bisher.

In Kürze wird das „Online-Archiv ‚Deutsches Gedächtnis‘“ zugänglich werden, bei dem das Institut für Geschichte und Biographie (IGB) mit dem Center für Digitale Systeme (CeDiS) der Freien Universität Berlin kooperiert. Es bietet Zugang zu einer wachsenden Auswahl von Zeitzeugeninterviews aus dem Archiv „Deutsches Gedächtnis“ des IGB. Von seinen rund 3.000 lebensgeschichtlichen Interviews zu einer Vielzahl von Aspekten der deutschen Geschichte sind 80 online. Sie stammen aus dem Projekt „Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1930–1960“. Interviews aus weiteren IGB-Projekten werden für das Online-Archiv vorbereitet.

Der Aufbau des Online-Archivs „Deutsches Gedächtnis“ wurde durch das NRW-Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung gefördert. Zugute kommt es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und Studierenden der FernUniversität und anderer Universitäten und Forschungseinrichtungen weltweit ebenso wie weiteren Interessierten wie Schülerinnen und Schülern oder Journalistinnen und Journalisten.

Auswirkungen der Digitalisierung

„Bei unserem nicht digitalisierten Archiv ist die große Zahl von Interviews das größte Problem. Erhalten wir Anfragen zu bestimmten Themen, ist es nicht immer einfach, hier etwas Passendes herauszufinden, ohne sagen zu müssen: ‚Bitte selbst suchen‘. Wenn man über das Audio-Signal selbst die ‚Treffer‘ als Audio mit Text bekommt, kann man sehr schnell sehen, ob die Stelle passt“, richtet Leh ihren Blick auf die zukünftige Auswertung der Interviews. „Das Online-Archiv bietet die Möglichkeit, die Quellen nicht nur zu hören und zu sehen, sondern auch, Segmente zu kopieren, zu kommentieren und in der eigenen Arbeitsmappe sammeln, sie mit anderen zu teilen sowie Inhaltsverzeichnisse zu den Interviews zu erstellen. Man hat dann Werkzeuge für Online-Analysen.“

Das Portraitfoto eines Mannes Foto: FernUniversität
Prof. Arthur Schlegelmilch

Aus dem Archiv in die Fernlehre

Institutsdirektor Prof. Dr. Artur Schlegelmilch war bereits einer der Pioniere bei Online-Seminaren, die von der Digitalisierung schon frühzeitig profitieren konnten: „Unsere Forschung können wir jetzt mit Hilfe unseres Online-Archivs und der immer besser werdenden Analysetechniken noch direkter in die Lehre einbringen. Auch unsere Studierenden können von den Auswertungsmöglichkeiten profitieren.“ Etwa indem sie direkt mit den neuen digitalen Recherche- und Analysemöglichkeiten arbeiten, also z.B. die Videos von Interviews ohne den Umweg über Transkripte – die wörtlich verschriftlichten Aussagen – auswerten: „So können sie schon während des Studiums in einen eigenständigen Forschungsprozess einsteigen“, erläutert Schlegelmilch. „Man wünscht sich solche Hausarbeiten ja schon immer als kleine Forschungsarbeiten mit der Ausarbeitung ausgewählte Quellen und nicht als ‚Wiederkäuen‘ von Literatur. Dafür bieten wir verstärkt Quellen an.“

Foto: Veit Mette
Almuth Leh (re.) und Eva Ochs

Ihre Schlüsse können sie mit Hilfe von Sekundärliteratur ziehen – „So, wie der Forschungsprozess abläuft“, ergänzt die Wissenschaftliche IGB-Mitarbeiterin Dr. Eva Ochs. „Das Besondere ist der einzigartige Zugang zu Originalquellen.“ Transkripte enthalten nur einen Teil der gesamten Informationen in Audio- und Videoaufnahmen. Welchen Wert beispielsweise ihre Informationen für die Interviewten selbst haben, kann bei der Auswertung oft erst durch Betonungen, Sprechmelodie, Gestik und Mimik etc. interpretiert werden. In Transkripten sind diese – wenn überhaupt – meistens nur mit einem Stichwort wiedergegeben, etwa in der Form „[lacht]“. Wirklich aussagekräftig wird ein Transkript also erst durch die Verbindung mit dem Video.

Originalquellen inspirieren Studierende

Dass den Studierenden diese Arbeiten gefallen werden, zeigt sich bereits in Online-Praktika, bei denen sie sich digitalisierte Audio- und Video-Quellen herunterladen, anhören, segmentieren und transkribieren, die dann für weitere Forschungsarbeiten zur Verfügung stehen. „Keine leichte Arbeit, sie kommt aber trotzdem gut an“, berichtet Eva Ochs. Arthur Schlegelmilch: „Es kommt oft vor, dass die Arbeit mit den Originalquellen Studierende zu einer Hausarbeit anregt, die Hälfte von ihnen entsteht eigentlich so. In der Regel auch mit gutem Erfolg.“

Berufliche Vorteile

Die Studierenden sollen davon auch konkrete berufliche Vorteile haben: „Sie können bei einer Bewerbung auf eine Stelle, bei denen es auch um Digital Humanities geht, nachweisen, dass sie schon mit verschiedenen Werkzeugen gearbeitet haben“, ist für Ochs wichtig. „Deshalb erstellen wir hier einen Kurs ‚Digital Humanities und biografische Forschung‘, der auch praxisorientiert ist: Welche Tools sind für welche biografischen Quellen geeignet? Und wie geht man damit um?“

Der Kurs mit vielen Praxisübungen wird zu einem neuen Modul des Bachelors Kulturwissenschaften gehören, das die Studierenden wahlweise belegen können. Die Studierenden können mit einem Zertifikat ihre digitalen Kompetenzen belegen: „Solche Qualifikationen werden immer häufiger gefordert“, betont Eva Ochs.

Gerd Dapprich | 29.03.2018